Geht nirgendwohin, wo es wehtut - selbst wenn Web 2.0 dran steht.

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Twitter: What are you doing?

Erst wenn der letzte Follower gefunden,

die letzte Gruppe gebildet,

der letzte Tweet geschrieben,

werdet Ihr feststellen,

dass man Freunde nicht klicken kann.

 

Einige von Ihnen werden sie noch im Original kennen: Die gute, alte Weisheit der Cree Indianer vom letzten Baum, mit der die Ökobewegung in Deutschland in Bewegung kam. Sie lässt sich auch problemlos auf ein anderes Thema umtexten - das Phänomen der sozialen Netzwerke im World Wide Web. XING, Facebook, studivz, schülervz, Twitter - wie war das Leben eigentlich früher?

Aber was ist, wenn manche Community entbehrlich wäre? Das XING vorrangig ein Emaildienst für private Nachrichten mit angehängtem Karriereprofil ist, dürfte von den meisten dort Registrierten so empfunden werden. Doch was ist mit den anderen? Kann man auf Twitter etwa verzichten? Aktuell geben mir zwei Dinge Grund zu dieser Annahme: Es sind der zurzeit in der Presse mächtig thematisierte Praktikumsbericht des 15-jährigen Matthew Robson sowie eine Studie von Ruf-Jugendreisen, erschienen im April. Beide fördern eine für manche überraschende Erkenntnis zutage: Jugendliche twittern nicht! Weil nur wenige diese Plattform überhaupt kennen - und denen, die sie kennen, das Ganze schlichtweg zu teuer oder zu unfrequentiert ist und sie genug alternative Kanäle zur Verfügung haben.

Warum erfreuen mich diese Ergebnisse? Nicht, weil ich davon überzeugt bin, dass sich Lebenszeit besser nutzen lässt. Bin ich zwar, aber das ist mein generationsbedingtes Pech/Glück. Sie erfreuen mich, weil sich meine dunkle Befürchtung zu gleißend goldenem Lichte erhellt, dass da vielleicht ein paar übereifrige First Mover und Berufsjugendliche etwas hypen, das möglicherweise als Randnotiz in die Geschichte des Internets eingehen wird. „Du twitterst nicht? Du bist so gestern, Junge. Oldschool. Analog. Du bist Museum, Alter.“ Was war noch mal Second Life?

Ganz ehrlich: Ich brauche das sinnfreie Simultangezwitscher nicht. Ich gehe lieber mit echten Freunden einen zwitschern (Sorry, ein Kalauer am Tag muss sein ...). Ich weiß, damit lebe ich gefährlich. Denn wenn man heutzutage etwas Kritisches über soziale Netzwerke sagt, widerfährt einem in Deutschland ähnliche Missbilligung oder gar Stigmatisierung wie bei der Verteidigung der Klinsischen Trainingslehre oder anderen schwergewichtigen Tabuthemen. Nein - das hier wird kein Social Community Bashing. Ich möchte sie nicht totreden und auch nicht missen. Ich nutze sie selbst. Aber man wird doch mal etwas zurechtrücken dürfen. Hey, die Welt des Web ist doch das Ende von Zensur und Selbstzensur. Der Erfolg über Hierarchie, Ideologie und Intoleranz.

 

Ich schlage hiermit meine Überzeugung ans digitale Kirchenportal: Der Mensch ist kein digi-soziales Wesen und er wird es auch nie sein!  Er braucht Menschen. Nicht als Follower und Gruppenmitglied, sondern real. Der Mensch muss Menschen um sich haben, um sie zu sehen, zu hören, zu riechen, zu berühren, zu lieben, zu ärgern, zu bewundern, einzuweihen, auszuhorchen, mitzureißen. Selbst Jugendliche, diese Black Box aus der nächsten Generation Mensch, brauchen das. Ein Furz macht halt mehr Spaß, wenn Kumpels ihn hören und drüber lachen. Die erste Zigarette hinterm Haus raucht sich mit realen Freunden besser. Und die Schulter einer Freundin muss schon aus Fleisch, Muskeln und Knochen sein, um den Schmerz zu stemmen, den der süße Typ aus der 9c verursacht hat.

 

Das ist alles nicht neu, aber es muss noch mal gesagt werden. Denn in Zeiten des Hypes ist das ekstatische Gebrüll oftmals so laut, dass der gesunde Menschenverstand verstummt. Es leben die social communities! Sie sind eine Bereicherung. Aber kein Ersatz. Vergesst das echte Leben nicht. Es gibt viel mehr zu verpassen als zu entbehren. Und macht es mit der Nutzung von Twitter wie die Jugendlichen ­- hingehen, anschauen und wieder abhauen. Denn niemand sollte freiwillig dahin gehen, wo es weh tut. Mit Ausnahme von Stürmern natürlich.

17. Juli 2009 | Beitrag erstellt von Jochen Huppertz in Netzkultur/Social Media/Web 2.0Permalink | Trackback link
Tags: twitter, communities, social networks
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1 Kommentar(e) zu diesem Thema

Gravatar: henrym

henrym

Dazu hätte ich eine schöne Aufgabe

Sich verabreden wie in den 80igern! Jeder von euch verabredet sich an einem der nächsten Wochenenden mit seinen Freunden mal ohne Handy und sonstige Hilfsmittel. Einfach vorher Ort und Uhrzeit festlegen, Alternativzeit und /oder Ort als Ersatz angeben oder aber Intervallrhytmus vorgeben (z.B: alle 30. Min an der Litfaßsäule). Die Wartezeit kann man dann mit etwas Musik verkürzen - mit Walkman und der Kassette mit den alten Smiths und Cure Songs - versteht sich!

21. Juli 2009 | 22:31 | Kommentar erstellt von henrym |Diesen Kommentar kommentieren

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